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Alltagstest: Reicht ein Kleid, um eine Frau zu sein?

  • Autorenbild: Billie Jules Wolf
    Billie Jules Wolf
  • vor 5 Tagen
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 2 Tagen

Ich gehe den Weg gerade in die andere Richtung: zurück in mein weibliches Geburtsgeschlecht. Dabei ist mir aufgefallen, dass die grundlegenden Rollenbilder sich über die Jahre nicht wirklich verändert haben. Nach wie vor bekommt man als transsexueller Mensch klischeehafte Vorschläge darüber, woran man erkennt, dass man eine Frau ist. Menschen, die sich gerade auf den Weg der Transition machen, müssen unter anderem einen sogenannten Alltagstest machen. Er soll helfen herauszufinden, ob man sich in der angestrebten Rolle wohlfühlt. Ich habe diesen Alltagstest damals nicht machen müssen, um herauszufinden, ob ich ein Mann sein will. Mein ganzes Leben trug ich Hosen und T-Shirts, wodurch ich oft für einen Jungen gehalten wurde. Plötzlich wurde mein Kleidungsstil zum Maßstab, weil Jeans und T-Shirt auch so männlich sind – oder nicht? Der Alltagstest soll sicherstellen, dass sich ein transsexueller Mensch mit seiner Rolle auseinandersetzt, aber die Realität ist viel schwerer, als einfach ein Kleid anzuziehen. Ein Transmann schlüpft für den Alltagstest in Hose und T-Shirt – also in das, was er ohnehin trägt. Bei Transfrauen ist es genau umgekehrt. Sie ziehen ein Kleid an, schminken sich und versuchen, sich in ihrer neuen Geschlechtsrolle wohlzufühlen. Doch das ist nicht so einfach, wenn ein Körper ein Leben lang von Hormonen geprägt wurde, die nicht weiblich sind. Testosteron formt einen Körper in der Pubertät viel gründlicher um als Östrogen – und was es umgeformt hat, bleibt. Gerade die tiefe Stimme, das grobe Hautbild, der Bart oder auch möglicher Haarverlust im Alter machen es einer Transfrau nicht leicht, den Alltagstest anzugehen. Auch ich als Transmann, der eine Detransition angeht, habe bestimmte körperliche Veränderungen durchgemacht. Meine Stimme ist tiefer geworden, mein Hautbild ist gröber, mein Haar ist ausgefallen und die Fettverteilung in meinem Gesicht ist männlicher geworden. Ich habe zum Glück eine weibliche Pubertät durchlebt, deswegen ist meine Knochenstruktur weiblich geblieben, aber es gibt auch andere Fälle von transsexuellen Menschen, die bereits in ihrer Pubertät Hormone genommen haben und damit bei einer Detransition noch stärker zu kämpfen haben.

Ein Kleid anzuziehen kann manchen transsexuellen Menschen helfen herauszufinden, ob sie diesen Weg einschlagen möchten. Aber sie setzen sich damit auch der Gefahr von Mobbing oder übergriffigen Kommentaren aus, weil nicht jede Transfrau mit einem weichen Erscheinungsbild geboren wurde. Manche erleben diesen Schritt aber auch als befreiend und empfinden es als genau richtig, dass sie ein Kleid anziehen, aber das gilt nicht für jede. Ich weiß, dass ich in einer speziellen Situation in meiner Detransition lebe, aber ich stelle mir derzeit fast dieselben Fragen wie eine Transfrau. Ich werde derzeit noch als Mann gelesen und sehe ein Problem darin, einfach ein Kleid anzuziehen, damit ich mich weiblich fühle. Das Einzige, was ich dann fühlen würde, wären Unbehagen und Unsicherheit – weil Kleidung zum Maßstab wird, dem ich mein ganzes Leben nie Beachtung geschenkt habe.

Vielleicht ist das die falsche Frage. Ein Alltagstest sollte nicht prüfen, ob ich ein Kleid tragen kann, sondern ob ich es aushalte, als die Person gesehen zu werden, die ich bin. Das eine kann man anziehen. Das andere nicht. Und der wahreTest fängt erst an, wenn man das Kleid wieder auszieht und trotzdem noch dieselbe Person sein will.



2008: Eines der seltenen Fotos in einem Kleid. Es war kein alltäglicher Moment, sondern einfach nur das Ergebnis einer kleinen Wette.


Das Bild von 2008 zeigt einen der seltenen Momente meines Lebens, in denen ich ein Kleid getragen habe. Früher habe ich oft in den Spiegel geschaut und gedacht, dass ich zu männlich aussehe. Selbst bei diesem Bild habe ich damals geglaubt, dass ich nach wie vor zu männlich wirke, obwohl es das wohl eindrucksvollste Bild meiner Weiblichkeit ist, das ich habe. In der Situation habe ich mich unwohl und verunsichert gefühlt, auch wenn ich auf diesem Foto lächle. Das Kleid zu tragen hat mir keinerlei Gefühl von Weiblichkeit vermittelt, außer dass es befremdlich war. Kaum hatte ich es ausgezogen, war ich froh darüber, dass ich wieder in meinen Jeanshosen steckte. Dennoch ist ein Aspekt ganz wichtig: Jeder hätte mich jetzt anhand des Kleides sofort als Frau identifiziert, und ich habe das nicht geglaubt. Das Foto wurde von einem Freund gemacht, der mit mir eine kleine Wette laufen ließ. Ich habe es aus reiner Neugier mitgemacht, weil ich zu ihm sagte: "Ich hatte noch nie ein Kleid an." Aber das Bild zeigt für mich vor allem eine Sache: Ich habe damals ein Kleid angezogen und nicht das Gefühl gehabt, mehr weiblich zu sein, weil es nicht meinem früheren Kleidungsstil entsprach. Heute würde ich ein Kleid ausprobieren, viel offener in die Selbstfindung gehen, was ich für eine Frau sein möchte. Damals war mir das nicht möglich.

 
 
 

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