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Detransition: Wie viel Hoffnung darf man sich bei einer Brustrekonstruktion machen?

  • Autorenbild: Billie Jules Wolf
    Billie Jules Wolf
  • vor 7 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit
Dieses Bild wurde mit ChatGPT generiert.
Dieses Bild wurde mit ChatGPT generiert.

Die Mastektomie war die leichteste Operation, die ich durchführen ließ. Es wurde einfach Gewebe weggeschnitten und es blieben zwei große Narben von jeweils ca. 30 cm zurück. Einige Ärzte haben mir über die Jahre Feedback gegeben, dass es ein wirklich gutes Ergebnis ist. Manchmal stehe ich vor dem Spiegel und glaube ihnen nicht, bis ich andere Operationsergebnisse gesehen habe, bei denen es nicht so gut gelaufen ist, und mir klar wird, dass ich wirklich Glück gehabt habe.


Deswegen fühlt sich der Wunsch nach einer Brustaufbauoperation zunächst für mich ein bisschen beschämend an. Ich denke wieder darüber nach, was andere Menschen darüber sagen würden, dass ich meine Brüste erst wegschneiden ließ und nun wieder einen Aufbau möchte. Meine Gedanken kreisen um dieses Thema und ich merke, dass ich mich beraten lassen muss, weil ich nur wenig Informationen zu Risiken, Möglichkeiten, Kosten und Erfahrungen finde. Zunächst suche ich mir Beratungsgespräche in der unmittelbaren Nähe bei Chirurgen, die bereits Erfahrung mit Brustaufbauoperationen und gute Bewertungen haben.


Schon eine Woche später, sitze ich in einer privaten Praxis in Köln und schaue mir die rustikalen Muster an der Wand an und bewundere das teure Wasser, das angeboten wird. Nach einer kurzen Wartezeit bin ich dran und komme ins Gespräch mit der Ärztin. Das Gespräch läuft ganz anders ab, als ich anfänglich dachte. Ich hatte erwartet, dass wir darüber sprechen, wie ein Implantat unter die Haut gesetzt wird, erfahre aber in diesem Moment, dass das nicht einfach möglich ist. Mein Inneres spannt sich an und mir wird klar, dass diese Operation nicht einfach nur eine Brustaufbauoperation sein wird. Es ist eine Brustrekonstruktion, um überhaupt die Chance zu haben, eine weibliche Brust zu bekommen. Sie erklärt mir, dass sie in diesem Moment mehrere Ideen hat, aber mir keine konkret vorschlagen kann, weil sie diesen Fall in ihrer Praxis noch nicht hatte. Sie müsste nochmal Rücksprache mit ihren Kollegen halten. Ich fühlte mich gut aufgehoben, aber gleichzeitig wurde mir klar, dass meine Vorstellung, wieder eine Frau mit Brüsten zu sein, langsam verblasste. Nicht, weil ich es nicht will, sondern weil die Möglichkeiten und der Handlungsspielraum plötzlich so klein werden, dass ich wieder vor einer Entscheidung sitze, die größer ist als ich sie mir vorgestellt habe.

Später am Abend sitze ich da und bin nicht sicher, wie ich mich fühle. Mir kommt die Frage plötzlich in den Kopf, ob ich wirklich eine Frau mit Brüsten sein möchte oder ob ich die Hoffnung einfach beiseiteschieben soll. Noch klammere ich mich daran, plane im Kopf, was ich tun kann, aber komme zum Ergebnis, dass ich auf die Absprache der Ärztin warten muss.


Der Anruf, den man mir verspricht, zieht sich in die Länge. Ich warte unruhig darauf und frage nochmal nach, weil ich immer noch nichts gehört habe. Erst dann bekomme ich endlich ein Gespräch, auch wenn es nicht pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt stattfindet. Aber immerhin erhalte ich Informationen. Die Ärztin sagt, dass sie nur die Möglichkeit sieht, drei Operationen zu machen. Zunächst wollen sie einen Expander einsetzen, der die Haut vorstrafft, damit mehr Platz für Implantate ist. Dann folgt eine weitere Operation, bei der sie die entsprechenden Implantate unter den Brustmuskel platzieren. In einer dritten Operation sollen mit Eigenfett und Korrektur die Narben, die Brustwarzen und die Rundungen etwas aufgefüllt werden. Dennoch sagt sie auch, dass ich nicht erwarten darf, dass ich nach dieser Operation weibliche Formen habe. Die Implantate unter dem Brustmuskel werden im BH schön aussehen, aber ohne diesen stehen sie sehr wahrscheinlich nach vorne. Eine normale Brustfalte ist eher weniger zu erwarten. Ich bohre nochmal nach, frage, was das genau für mich bedeutet und sie unterstreicht diesen Punkt noch einmal für mich. Die weibliche klassische Brust ist in dieser Form nicht möglich, weil mir jegliches Brustgewebe für ein Aufbau fehlt, die Haut ist gestrafft, alles ist nicht mehr vorhanden, um sie weiblicher formen zu können. Ich lasse es mir nicht anmerken, aber ich bin niedergeschlagen deswegen und sage nur ruhig, dass ich gerne einen Kostenvoranschlag möchte. Weitere Einschränkungen sind, dass mir etwas Kraft im Brustmuskel fehlen wird und dass man immer das Implantat sehen wird, wenn ich bestimmte Sportübungen mache. Auch die Möglichkeit im hohen Alter das Implantat wieder rauszunehmen, um mit dem Restgewebe zu arbeiten, wird eher keine guten Ergebnisse mit sich bringen. Sie empfiehlt mir, dass ich das Implantat wechseln lasse. Sie sagt mir außerdem, dass ich die letzten Empfindungen, die ich gerade noch in meiner rechten Brustwarze habe, mit der Korrekturoperation komplett verlieren werde. Die Nerven wurden schon einmal durchgetrennt, wenn sie nochmals durchgetrennt werden, gibt es keine Chance, dass ich wieder etwas fühle – und das ist bitter. Denn es war genau dieses Gefühl, das ich damals nach der Mastektomie vermisste und über das ich mich freute, als ein bisschen Empfindung wieder gekommen war. Aber auch das müsste ich für diese Operation opfern, um halbwegs gute Ergebnisse zu kriegen. Bis dahin haben wir nicht mal über die weiteren Risiken gesprochen, die nebenbei auftreten können. Mir schwirrt der Kopf und ich erinnere mich nicht mehr ganz an weitere Details.

 

Denn unabhängig davon, wie das Ergebnis sein wird, fühlt es sich in dem Gespräch so an, als würde man mir sagen, dass meine Brüste für außenstehende im BH schön aussehen, aber wenn ich mich ausziehe, eben nicht ganz der Realität einer weiblichen Brust entsprechen und mir womöglich gar nicht gefallen. Und plötzlich frage ich mich, für wen ich diese Operation eigentlich mache. Wenn es darum ginge, dass ich außenstehenden nur gefallen möchte, könnte ich auch Silikonbrüste tragen und dann zu Hause alles ausziehen. Aber eigentlich möchte ich mich weiblich fühlen, auch wenn ich mein T-Shirt zu Hause ausziehe und mein BH weglasse. Denn seien wir ehrlich… ich habe damals kaum zu Hause einen BH getragen, weil ich mich einfach wohler gefühlt habe. Ich denke mir in dem Moment sarkastisch, dass sie wenigstens dann nicht mehr hängen, aber es ist nur ein bitterer Beigeschmack, der von dem Gespräch bleibt.

Tage später bekomme ich dann auch den Kostenvoranschlag und ich versuche wirklich zu vermeiden, dass mir Tränen kommen. Die Summe ist hoch. Viermal so hoch, wie ich es dachte – vergleichbar mit einem kleinen Neuwagen, der kaum Ausstattung bietet. Später wird mir klar, dass die Preise aus mehreren Aspekten hoch sind, einmal handelt es sich längst nicht mehr einfach um einen Brustaufbau, sondern um eine komplizierte Rekonstruktion. Und zum anderen ist es eben eine private Praxis, die anders kalkuliert als ein öffentliches Krankenhaus. Öffentliche Krankenhäuser sind beiden Kosten anders aufgestellt und arbeiten teilweise auch mit den Krankenkassen zusammen.


Mehrere Tage weiß ich nicht, was ich tun soll, und überlege immer wieder, wie ich das Geld zusammenbekomme – und wie das Gefühl von Ausweglosigkeit, das mich in diesen Tagen begleitet, wieder verschwindet. Jetzt, wo ich endlich eine Frau sein möchte, kann ich nicht einmal das Einfachste wieder haben, eine weibliche Brust, und das zieht meine Stimmung runter. Ich denke über Crowdfunding nach, fühle aber auch, dass ich nicht weiß, ob Menschen dafür überhaupt Verständnis empfinden können, wie es mir gerade geht. Ich denke daran, ob andere Frauen mir wirklich Geld geben würden, um mir die Brüste schön machen zu lassen, während sie selbst vielleicht nicht die Möglichkeit dazu haben. Ist das überhaupt fair? Ich denke wieder zu viel nach und merke, dass ich in mein altes Muster zurückkomme. Ich akzeptiere zu schnell, was ein Arzt mir gesagt hat, und nehme es als endgültige Wahrheit an. Aber ich bin nicht mehr die junge Frau oder der junge Mann, sondern inzwischen so weit, dass ich einen Weg finden möchte und weitere Meinungen benötige. Ich mache weitere Termine bei Ärzten und will eine zweite Meinung, wenn nicht sogar eine dritte oder vierte.


Ein weiteres Gespräch führe ich wieder mit einer privaten Praxis. Der Arzt dort ist ehrlich, sagt, dass er diese Operation nicht in einer so kleinen Klinik machen kann, aber er kennt einen Kollegen und er würde diesen Fall mit ihm gerne besprechen. Es ist die Universitätsklinik Bonn. Scheinbar gibt es dort Experten für eine sogenannte Transplantation von eigenem Gewebe und die Möglichkeit, aus z.B. dem Bauch eine weibliche Brust zu formen, sodass man womöglich ein Implantat auch nicht unter die Brustmuskeln setzen müsste. Die Formen würden dem Gewebe entsprechend weicher sein und viel weiblicher wirken. Ich mache erneut einen Termin und hoffe, dass ich dort weitere Erkenntnisse finden werde. Im Internet steht, dass die Operation schwerer ist, größer, teurer. Aber sie klingt für mich, als könnte es die einzige Möglichkeit sein, überhaupt eine weibliche Form zu haben. Inzwischen gehe ich schon gar nicht mehr davon aus, dass diese Operation übernommen wird von meiner Krankenkasse und versuche mich gedanklich etwas zu rüsten, resilienter zu werden, um nicht wieder tiefer zu fallen. Die eine Ärztin meinte, ich soll trotzdem einen Antrag auf eine Kostenübernahme stellen und ich werde es tun, aber die anderen Beratungsgespräche sagten mir unter der Hand, dass sie nicht glauben, dass diese Operationen übernommen werden. So schnell, wie damals meine Brüste abgenommen wurden, werde ich nun so schnell nicht wieder welche kriegen. Ich plane bereits, dass ich womöglich einen weiteren Job annehme, damit ich mehr Geld sparen kann. Damit es eben nicht zu einer großen finanziellen Belastung für meine kleine Familie wird. Der Kostenaspekt verunsichert mich wirklich enorm – mehr sogar als die Risiken und Schmerzen der Operationen selbst. Denn egal wie stark ich bin oder wie weiblich ich mich fühle, kurzfristig reicht das allein nicht aus, um dieses eine Ziel zu erreichen. Selbst wenn mein Inneres sich mit aller Kraft Brüste wünscht, entspricht das gerade nicht meiner Realität – die Aussichten liegen momentan einfach noch in der Ferne.


Wichtig:

Ich möchte klarmachen, dass es keine aussichtslose Situation ist, es fühlt sich für mich nur so an. Aber ich habe bis dato noch keinen Antrag an die Krankenkasse gestellt und weiß nicht genau, welche Kosten in einem Krankenhaus verrechnet werden. Es gibt also noch Optionen.

 

 
 
 

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