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Detransition: Warum ich nach 15 Jahren als Mann wieder eine Frau werde

  • Autorenbild: Billie Jules Wolf
    Billie Jules Wolf
  • vor 5 Tagen
  • 6 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 20 Stunden


Fünfzehn Jahre habe ich als Mann gelebt. Ich bin verheiratet, ich hatte einen Job, in dem niemand fragte, und unser Kind war auf dem Weg. Und trotzdem habe ich im Stillen geweint. Das hier ist die Geschichte davon, warum ich diesen Weg zurückgehe – und warum das kein Rundgang ist, sondern eine Ankunft.


Fünfzehn Jahre sind eine lange Zeit. Mein gesamtes Erwachsenenleben habe ich als Mann gelebt – seit dem Moment, in dem ich von zu Hause ausgezogen bin. Damals war ich jung und sah in meiner Transition die Hoffnung, endlich akzeptiert zu werden. Denn ich kannte seit meiner Kindheit nur das Gefühl, dass ich in meiner weiblichen Geschlechtsidentität nicht akzeptiert wurde.


Mit vier Jahren stand die Frage schon im Raum


Meine Eltern wussten nicht einmal, dass bereits mit vier Jahren zum ersten Mal daran gezweifelt wurde, ob ich wirklich ein Mädchen bin. Dass ich irgendwann beweisen sollte, dass ich weiblich bin – und dass ich daraufhin lernte, wie beschämend es ist, so auszusehen wie ich. Dabei war ich vollkommen normal, nur dass ich jungenhafte Kleidung mochte und kein richtiges Verständnis dafür entwickelt hatte, was es bedeutet, ein Mädchen oder ein Junge zu sein. Über die Jahre wurde mir immer mehr klar, dass ich Jungs beneidete. Dass ich Freundschaften mit ihnen wollte, weil meine Interessen sich nicht mit denen der Mädchen deckten. Doch ich erlebte Ablehnung, man wollte mir weismachen, dass ich als Mädchen niemals die gleiche Verbindung haben würde wie ein Junge.


Je älter ich wurde, desto enger wurde es


Je älter ich wurde, umso stärker wurden meine Probleme als Mädchen. Auf Toiletten fragte man mich ständig, ob ich hier richtig sei. Manchmal zog man mich aus Warteschlangen, um mich persönlich zur Männertoilette zu bringen, so als würde ich nicht sehen, dass vor mir Frauen standen. Der Leidensdruck, nicht akzeptiert zu werden, wurde immer größer. Jungs sprachen hinter dem Rücken davon, dass andere schwul sein müssten, wenn sie mit mir zusammen sein wollten. Manchmal wollte man auch gar nicht mit mir zusammen sein, weil ich mich zu kumpelhaft verhielt. Der Druck stieg immer weiter und irgendwann weinte ich im Stillen darüber, wenn ich auf einer Toilette wieder einmal angegangen wurde, weil ich falsch war, und mich rechtfertigen musste. Also war die Transition für mich ein Ausweg, endlich akzeptiert zu werden. Ich probierte es aus, auf die Männertoilette zu gehen – und niemand sagte etwas. Plötzlich war ich sicher. Niemand schaute mich an oder fragte, was ich auf der Toilette wollte. Und es war eine Erleichterung.


Fünfzehn Jahre in Halbwahrheiten


In den 15 Jahren meiner Transition hatte ich kaum das Gefühl, nicht akzeptiert zu werden – solange ich nicht erwähnte, dass ich transsexuell bin. Denn auch als transsexueller Mann ist man nicht vor Vorurteilen geschützt. Und irgendwann hörte ich einfach auf, jemandem zu erzählen, wer ich bin – nötig war es ohnehin nicht. Man erkannte gar nicht mehr, dass ich als Frau geboren wurde – falls man es überhaupt jemals bemerkt hatte. Menschen beschwerten sich sogar über Transsexuelle, während sie nicht einmal erkannten, dass ich selbst einer von ihnen war. Ich wollte etwas sagen. Doch die Angst, erkannt zu werden, war so groß, dass daraus ein Geheimnis wurde. Etwas, das ich nicht sagen durfte, als wäre es ein Staatsgeheimnis. Obwohl ich sehr kommunikativ bin, begann ich, keine ernsthaften Gespräche mehr zu führen, und erzählte Halbwahrheiten über mich. Mit jeder neuen halben Wahrheit wurde ich ein Stück unsichtbarer. Ich verdrängte jeden Schmerz, der mit der Transition einherging, obwohl ich immer wieder depressive Phasen hatte. Manchmal wusste ich nicht einmal, warum.


Alles erreicht – und trotzdem geweint


Irgendwann wurde mir klar, dass ich eigentlich alles erreicht hatte, was ich mir einst gewünscht hatte. Ich war verheiratet. Ein Kind war auf dem Weg. Im Job wurde ich als Mann akzeptiert. Trotzdem weinte ich im Stillen. Manche Lieder gingen mir unter die Haut, vor allem dann, wenn es um starke Frauen ging oder um das Gefühl von Selbstakzeptanz. Gerade die Lieder von der Sängerin „SOPHIA“ bohrten Löcher in meine Seele. Zusätzlich konnte ich das erste Mal erleben, was es für eine Frau bedeutet, schwanger zu werden. Diese unglaubliche Fähigkeit, ein Leben zu erschaffen – die ich immer bewundert habe. Schon vor meiner Operation, die mir diese Fähigkeit nahm, war es für mich etwas Besonderes. Und plötzlich riss auch diese Wunde wieder auf. Die Vorstellungen und Wünsche, die ich vor Jahren hatte und die sich mit meiner Tran

sition einfach in Luft aufgelöst hatten. Trauer, die ich nie bewältigt habe.


Was die Operationen mitgenommen haben

Nach meiner Unterleibsoperation saß ich auf dem Gang und weinte darüber, dass ich diese Entscheidung getroffen hatte. Dann richtete ich mich auf und lief weiter wie ein verletztes Tier, das sich nichts anmerken lässt. Die nächste Operation folgte und nahm mir ein weiteres Stück von mir, das ich in meiner Transition gerade erst zu mögen begonnen hatte. Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass damals auf diesem Gang kein Mensch saß, der ein Mann sein wollte, sondern eine Frau, die ihren Lebenstraum aufgegeben hatte. Und nach keiner Operation habe ich jemals darüber gesprochen, welche Schmerzen sie in meiner Seele hinterließen. Ich ging einfach weiter und mein Körper veränderte sich weiter. Zwölf Jahre später sah mein Gesicht nicht mehr aus wie früher, sondern aufgequollen von der Testosteron-Therapie, die stets etwas höher dosiert sein musste, damit ich weniger Probleme hatte. Mein Bart wuchs – das war wirklich schön –, dafür fielen mir die Haare aus. Ich sprach mit einer Hormonärztin darüber, wie ich mich fühlte, dass ich Angst hatte, keine Haare mehr zu haben – doch sie sagte nur, dass man das als Mann nun einmal habe. Es war frustrierend und ich konnte mir plötzlich nicht mehr vorstellen, als Mann alt zu werden. Ich beneidete meine Frau dafür, dass sie schwanger werden konnte und spüren durfte, wie unsere Tochter in ihr wuchs. Es waren Optionen, die ich nie wieder in Betracht ziehen konnte.


Die Wahrheit unter der Angst

Irgendwann konnte ich nicht weiter dabei zusehen, wie meine Seele löchrig wurde. Ich spürte: Dieses Gefühl, das sich in mir aufbaute und mich erdrückte, kam von einem tief vergrabenen Wunsch – zu erfahren, wer ich als Frau bin. Diese Option habe ich nie in Betracht gezogen, weil ich Angst hatte. Ich habe in meinem Leben sexuelle Übergriffe erlebt – und sie abgetan, als wären sie nicht relevant. Ich habe das Mobbing in der Schule so sehr als Normalität angenommen, dass nicht einmal meine Familie davon wusste. Meine Transition war am Ende kein Befreiungsschlag meiner Seele, sondern eine Flucht davor, dass ich als Mensch – nicht einmal als Frau – nicht akzeptiert wurde. Denn ich war kein typisches Mädchen. Selbst in den psychologischen Gutachten verhielt ich mich genau nach Protokoll. Am Ende des Tages geht es mir aber nicht darum, irgendjemandem Schuld zuzuweisen. Wo auch immer in meinem Leben ich mich selbst aus den Augen verlor, weiß ich heute, dass ich nicht länger ignorieren kann, was ich fühle. Ich wollte immer nur dazugehören. Da ich mich maskulin verhielt und von dieser Seite sehr viel Resonanz bekam, war es für mich naheliegend, mich dem männlichen Geschlecht zuzuwenden. Ich wollte ein biologischer Mann sein, um einfach dazuzugehören – weil ich bei den Frauen angeeckt bin und bei den Männern allein wegen meines Geschlechts nicht den Anschluss fand, den ich mir wünschte. Aber keine Operation auf dieser Welt kann dieses Gefühl erfüllen. Biologisch männlich werde ich nie sein. Ich habe nicht die gleichen Erfahrungen gemacht. Ich akzeptiere, dass ich biologisch weiblich geboren wurde. Und ich akzeptiere, dass ich maskuline Züge habe.



Mein Weg hat gerade erst angefangen

Und das Beeindruckende ist: Seit ich dazu stehe und auch den Kontakt zu den Frauen in meinem Umfeld suche, werde ich mehr akzeptiert, als ich es mir je erhofft habe. Plötzlich kann ich mich mit den Frauen in meinem Umfeld über meine Wechseljahresbeschwerden austauschen, über den Wunsch nach einem Brustaufbau oder darüber, dass ich Angst habe, auf die Frauentoilette zu gehen. Zuletzt sagte ich einer Kollegin gegenüber, dass ich auf die Toilette müsse und dass die Männertoilette für mich nur noch eine Notlösung ist – eine, die ich gerade nicht nutzen kann. Daraufhin ist sie mit mir auf die Toilette gegangen und war mein Schutzschild. Und auch meine Frau hat längst gesagt, dass sie mit mir auf die Frauentoilette geht, damit ich mich sicherer fühle. Und das ist genau das, was ich nie hatte: das Gefühl, endlich sicher zu sein.


Mein Weg als Frau hat gerade erst angefangen, aber ich weiß eine Sache: Ich werde nicht aufgeben, dafür zu kämpfen, endlich wieder weiblich zu sein. Dass ich eine Brust haben darf, die mir gefällt – und die mir einen Funken jener Weiblichkeit zurückgibt, die ich all die Jahre verdrängt habe. Und ich werde die Stärke entwickeln, für mich einzustehen – und für alle anderen, die den gleichen Weg gehen wie ich. Ich möchte, dass man versteht: Diese Gesellschaft bestimmt maßgeblich mit, wie wir uns entscheiden – nur weil wir keine Akzeptanz finden. Menschen ändern ihren Körper, weil wir ihnen beibringen, dass sie sich selbst nicht lieben dürfen. Und das ist ein Zustand, den ich nicht länger akzeptieren werde.


Ich bin Billie Jules, eine Frau, eine von vielen. Vielleicht werden wir uns nie kennenlernen. Aber ich werde dafür einstehen, dass man in jedem von uns zuerst einen Menschen sieht.

 

 



 
 
 

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